Tag der offenen Tür bei VERBIO am 13.09.2014

Führung einer 20- köpfigen Gruppe der Bürgerinitiative
ZÖRbio – Aktion saubere Luft“ durch Dr. Oliver Lüdtke (Vorstand von VERBIO)

Auf Anregung der Bürgerinitiative ZÖRbio – Aktion saubere Luft führte die Fa. VERBIO am 13.09.2014 erstmals einen Tag der offenen Tür durch. Interessierte Bürger hatten die Möglichkeit, sich die ortsansässige Bioethanol- und Biomethananlage einmal aus unmittelbarer Nähe anzusehen.

Die anwesenden Mitglieder unserer Bürgerinitiative bekamen eine eigene Gruppenführung vom VERBIO Vorstand Dr. Oliver Lüdtke. Er beantwortete unsere zahlreichen Fragen sehr kompetent, wodurch wir die technischen Zusammenhänge jetzt noch besser zuordnen können.

Tag der offenen Tür bei Verbio (Foto: T. Ruttke)

Tag der offenen Tür bei Verbio (Foto: Thomas Ruttke)

Zusammengefasst kann man aus der Führung folgende Informationen festhalten:

Beschäftigtenanzahl: ca. 125 MA (mit Märka)

Bioethanolanlage

Rohstoffe: Verarbeitet werden Futtergetreide wie Roggen, Tritikale, Weizen

Ethanol-Gärung: ist ein biochemischer Prozess, bei dem Kohlenhydrate (Glucose, Stärke) mittels industrieller Hefestämme zu Ethanol und Kohlenstoffdioxid sowie Restproduktmischungen in Form der Schlempe abgebaut werden. Bei der alkoholischen Gärung durch Hefen entstehen in der Regel als unerwünschte Nebenprodukte Methanol und Begleitalkohole wie Butanol, geruchsintensiver Amylalkohol und Hexanol.

Auf Grund der eingesetzten Rohstoffe entstehen bei VERBIO lt. eigener Aussage nach der Destillation jedoch fast keine Fuselöle.

Derzeitige Marktpreise: Ethanol ca. 0,40 €/l             Benzin ca. 0,65 €/l

Reststoff des Gärprozesses ist die Schlempe. Diese wurde bisher hauptsächlich als Feststoff-Dünger verkauft. Seit Inbetriebnahme der Biogasanlage wird aus der Schlempe, mit einem von VERBIO entwickelten Spezialverfahren (Ammonium-Strippung) mittels Wasserdampf, störende Ammonium-Verbindungen entfernt. So aufbereitet kann Schlempe dann zu 90 % als Rohstoff bei der Biogasproduktion genutzt werden. Dieser Anlagenteil wurde uns nicht speziell vorgeführt, so dass geruchsmäßig keine Beurteilung möglich war.

Auf der Südseite der ca. 20 m hohen Bioethanolanlage waren im Windschafften dieser in einem Abstand von ca. 10 m zwei eingehauste Container (ca. 3 x 3 x 5 m) mit Sensoren für Umweltmesstechnik zu sehen. Auf unsere Nachfrage wurde das Vorhandensein dieser Technik bestätigt, allerdings ohne Benennung des Analyseumfangs und ohne Angabe der zu bestimmenden Stoffe.

Biomethananlage

Rohstoffe: aufgearbeitete Schlempe, Kaff (Getreidestaub), Stroh, auch Mais

Im vorderen Bereich stehen 6 etwa 20 m hohe Fermentatoren a 8.000 m3. (Als Fermenter bezeichnet man Behälter, in denen Mikroorganismen kultiviert werden, um erwünschte Reaktionen und Produkte zu erzeugen. Man spricht auch von Bioreaktoren.) Jeder Fermenter hat hier einen Durchmesser von 24 m. Diese Behälter sind, wie die Decke auch, aus gasdichtem Beton gefertigt, und zusätzlich mit einer Folie ausgekleidet. Außen wurde eine Wärmeisolation angebracht. Im Inneren befinden sich große Blattrührer. In den ca. 90 % befüllten Fermentatoren herrschen ganzjährig Temperaturen von ca. 30 – 45 °C.

Beim Fermentationsprozess erfolgt ein anaerober (ohne Sauerstoff) Abbau der organischen Substanzen: Bakterien spalten unter Luftabschluss die Rohstoffe auf in CH4, CO2, H2, H2S, H2S-Derivate (Mercaptane), NH3-Derivate (primäre und sekundäre Amine), vergleichbar mit den Verhältnissen in einem Kuhmangen.

Es ist bei VERBIO in der Biogasanlage kein Gaszwischenspeicher vorhanden.

Zur Einspeisung des bei VERBIO gewonnen Biogases in das Erdgasnetz der Fa. MITGAS muss Biogas vorher noch spezielle Aufarbeitungsverfahren (Waschvorgänge) durchlaufen. Das erfolgt im Schwefelturm. Für die Entschwefelung muss bei VERBIO das Biogas ein modifiziertes Packes Verfahren in zwei Stufen durchlaufen.

1. Stufe: In einer Füllkörperkolonne wird H2S  in Natronlauge ausgewaschen.

2. Stufe: In dieser biologischen Stufe wird bei Anwesenheit spezieller Bakterien in den Behälter mit dem Produkt Luft zugesetzt. Dabei entsteht neben einem schwefelfreien Abwasserstrom ein Elementarschwefelschlamm, der sich auf den Füllkörpern abscheidet.

Auf unsere mehrfache Nachfrage zum Artikel in der Zeitung „WOCHENSPIEGEL“ vom 10.09.2014 „Zörbiger Unternehmen Verbio öffnet seine Türen“ bestätigte auch Dr. Lüdtke die dort zitierte Aussage des VERBIO Geschäftsführers Dr. Klein in besagtem Artikel.

„Bei Optimierungs- oder Wartungsarbeiten muss das eine oder andere Mal der Kreislauf unterbrochen werden. Beispielsweise beim Stillstand der Entschwefelung, so konnten diese unangenehmen Gerüche auch in die Umwelt entweichen. So eine Anlage bekommt man nicht von der Stange und es bedarf vieler Optimierungsprozesse, wir beschäftigen eine ganzes Team, die sich nur damit beschäftigen.“ 

Obwohl der Anlagenteil Schwefelturm zum Zeitpunkt der Besichtigung mit Sicherheit unter besonders sorgsamen Bedingungen betrieben wurde, konnten alle Teilnehmer schwallartig die typische Geruchsbelästigung von VERBIO in kleiner Konzentration wahrnehmen!

Abschließend führt VERBIO einen Absorptionsprozess zur CO2– und NH3-Entfernung durch. Dafür wird ein sogenanntes kombiniertes Ammoniumwaschverfahren genutzt. So entsteht am Ende bei VERBIO aus Biogas das noch mit Propan anzureichernde fertige Biomethan in Erdgasqualität. Dieses wird mit 16 bar in das MITGAS-Netz eingespeist.

MITGAS setzt dem geruchlosen Gas noch einen vom Gesetzgeber vorgeschriebenen speziellen Geruchsstoff bei (Odorierung), um Erdgas bei ungewolltem Austritt überhaupt wahrnehmen zu können.

Absaugung geruchsintensiver gasförmiger Stoffe:

In den Anlagen riecht es immer mal.“ sagte uns Dr. Lüdtke vor Ort.

Regenerative Thermische Oxidation = RTO (Verbrennung von abgeschiedenen Geruchsbestandteilen)
Es wird zu der bereits vorhandenen Vorrichtung eine zusätzliche RTO mit 30 % erhöhtem Durchsatz ev. noch vor Weihnachten 2014 aufgebaut (kostet ca. 500.000,- €).

Eine parallele Besuchergruppe wurde vom hiesigen Geschäftsführer Herrn Dr. Klein geführt. Dabei wurden die Fragen wie folgt beantwortet und im Anschluss protokolliert. Im Bereich der Abgasreinigungsanlage/RTO war zum Zeitpunkt der Begehung wieder der typische Faulgasgeruch deutlich wahrnehmbar.

Frage 1: Sind die Abgasreinigung/thermische Nachverbrennung in Betrieb und arbeiten ordnungsgemäß?
Antwort Dr. Klein: Ja, Abgasreinigung / thermische Nachverbrennung sind in Betrieb und arbeiten bestimmungsgemäß. Steuerung / Überwachung erfolgt durch Prozessleitsystem.

Frage 2: Bei welcher Temperatur erfolgt die thermische Abgasbehandlung und wird diese unter allen Betriebsfällen eingehalten?
Antwort Dr. Klein: Die RTO arbeitet bei 820 °C.

Frage 3: Warum wurde kein Hochtemperaturverbrennungsverfahren mit Verbrennungstemperaturen > 1000 °C gewählt?
Antwort Dr. Klein: Wirtschaftliche Entscheidung
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Pastöse Fermentationsreste werden mit Wasser versetzt und analog wie Gülle als Dünger auf Felder ausgebracht. Wie Gülle darf das nur von November bis Mitte Februar ausgebracht werden und der Boden muss frostfrei sein. Um die ausbringungsfreie Zeit zu überbrücken, befinden sich am Ende der Anlage 5 riesige Lagerbehälter für die flüssigen Fermentationsreste.

Die „Fermenter werden bisher bei Verbio NICHT begangen.“ Das bestätigte uns Dr. Lüdtke auch auf ausdrückliche Nachfrage noch einmal! Sollte eine Reinigung dieser kontinuierlich betriebenen Bioreaktoren einmal notwendig werden, so würde dieser Vorgang als Lohnarbeit an spezielle, sachkundige Fremdfirmen vergeben werden.

In dem Schwesterwerk in Schwedt wurde eine Monogasanlage errichtet mit einer Monostrohbeschickung. Dafür war Zörbig die Testanlage. Hier wurde dieses Strohverfahren entwickelt. In Zörbig lassen sich etwa 20 % Stroh als Rohstoff zuführen. Stroh enthält 20 % Lignin, von 1 t Stroh bleiben also 200 kg Rest übrig. Eine Umstellung bei der Rohstoffversorgung von z.B. mehr Getreide hin zu weniger Stroh geht nicht kurzfristig, das erfordert Wochen, auch wegen der damit verbundenen Logistik.

Es sind auf dem Gelände 4 Kühltürme mit großen und sehr lauten (!) Lüftern. Davon geht kein Geruch sondern nur Wasserdampf aus und ansonsten noch ein hochfrequenter Lärm. Die Lärmbelästigung rund um die Uhr zog bereits Beschwerden aus der Nachbarschaft nach sich. Man möge sich die Situation dieser Anwohner vorstellen, die bei entsprechendem Wind von VERBIO gleichzeitig durch Geruch und Lärm extrem belastet werden! Dr. Lüdtke sicherte uns bei der Führung zu, den Verschleißzustand der Lüfter zu überprüfen und auch noch einmal die Machbarkeit von Lärmschutzmaßnahmen abklären zu lassen.

Getreideannahme mit Getreidesilos

Dort nachgeschaltet sind Hammermühlen zum Zerkleinern der Körner. Manchmal erfolgt hier eine enzymatische Behandlung in sehr kleinem Umfang, um die Rohstoffstrukturen aufzuspalten.

Labor

Das Labor kontrolliert die Biologie der Dickschlempe. Im Labor kommen verschiedene Prüfanlagen und mehrere Gaschromatographen zum Einsatz. Proben werden in der Regel manuell gezogen und manuell ins Labor gebracht. Auf ausdrückliche Nachfrage wurde eine Prozess-Analyse vor Ort verneint. Wir konnten jedoch an einem speziellen Analyse-Gerät eine direkte Prozess-Kontrolle auf einem Monitor mit mehreren dargestellten Verfahrensschritten sehen!

Zusammenfassung

Man hat uns bei VERBIO den Zutritt auf das Werksgelände ermöglicht, obwohl wir durch gelbe Aufkleber als Bürgerinitiative auch nach außen sehr gut erkennbar waren.
Das nötigt Respekt ab.

ZÖRbio AufkleberUnsere Fragen wurden weitgehend beantwortet, obwohl man uns nicht alle Details mitteilte. Bei unserem Rundgang wurden wir im hinteren Teil der Biogasanlage, wo die Aufarbeitung des Biogases und die Entschwefelung erfolgen, mit dem uns bestens vertrauten VERBIO-Geruch konfrontiert. Leider wurde der genauen Quelle der Geruchsemission nicht gleich vor Ort nachgegangen. Das ist umso unverständlicher, da uns bereits mehrfach von VERBIO gesagt wurde, dass man die konkrete Geruchsquelle NICHT kenne…